Ansprache zur Jubiläumsveranstaltung

27. Februar 2016 - Hajo Sennock

Verehrte Jubiläumsgäste, verehrte Ehrengäste, liebe Schulgemeinschaft, "Waldorf zeigt sich" - unter diesem Motto steht unsere Veranstaltung. Ein Blick in die Veranstaltungsräume weist auf das Selbstverständnis unserer Freien Waldorfschule hin - auf ihre Inhalte, ihre Ideale. Vielfältigkeit ist eines ihrer Kennzeichen. Alle Lebensbereiche sollen möglichst wirklichkeitsnah und schülerorientiert erschlossen werden.

Herr Oberbürgermeister Lützner hat in seinem Grußwort geschrieben: "Die Idee der Waldorfschule ist heute so aktuell und zeitgemäß wie zu Beginn der Bewegung." Wie lässt sich diese Idee beschreiben? Nun, wir haben eine komplexe und vielschichtige Architektur des menschlichen Wesens. Die modernen Erkenntnisse der Psychologie und Neurologie bestätigen unsere Ansätze inzwischen auch. Was vor Jahrzehnten noch unverstanden belächelt wurde, erfährt heute breite Zustimmung.

Was liegt unserer Pädagogik aber im Kern zugrunde? - Es ist der Beziehungsbegriff.

In den letzten drei Jahrzehnten wurde innerhalb der Grundlagenforschung der Sozial- und Lebenswissenschaften der Beziehungsbegriff wieder entdeckt, um die Wirklichkeit vollständiger beschreiben zu können. Beziehungen liegen allen lebendigen Welterscheinungen zugrunde. Das gilt nicht nur für die Sozial- und Lebenswissenschaften, die Quantenphysiker wissen das schon seit längerem, bleiben aber doch eher unter sich. Im waldorfpädagogischen Menschenbild wird der Mensch von Anfang an konsequent in seinen Beziehungsstrukturen gedacht. Schon der Aufbau unserer Leiblichkeit zeigt, dass die Zell - und Organsysteme nicht isoliert wirksam sind, sondern kooperativ. Unsere seelischen Grundkräfte - unser Denken, Fühlen und Wollen - stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander und zu unserer Leiblichkeit und darüber hinaus zu unserer sozialen und stofflichen Umgebung - ein riesiges Beziehungsnetz. Waldorfpädagogik folgt einem humanistischen Bildungsbegriff der das berücksichtigt. Humanistische Bildung ist ganzheitlich, beziehungsstiftend, sie überwindet Gegensätze, regt Verständnis und Nähe an - auch in der Auseinandersetzung. Sie bestärkt uns darin, die Welt als den uns zugewiesenen individuellen und gesellschaftlichen Erfahrungsraum zu erkennen und menschlich zu gestalten. Ein solch umfassender Bildungsbegriff wurde bereits von Humboldt und Goethe vertreten und wer meint dieser Bildungsbegriff sei überholt und nicht mehr zeitgemäß hat sich wohl nicht mit ihm auseinandergesetzt oder ein sehr eingeschränktes Menschenbild.

Humanistische Bildung weiß auch von den zwei Grundkräften der menschlichen Seele, aus denen sich unsere Befindlichkeiten und unsere Handlungsweisen ableiten lassen: Liebe und Angst. Waldorfpädagogik setzt nicht auf die Angst und ihre Bewältigungsstrategien, wie Strafe und Belohnung zur Konditionierung. Sie setzt nicht auf Angst vor dem Versagen, Angst im Konkurrenzkampf nicht zu bestehen, Angst vor den Unbilden des Lebens. Unsere Gesellschaft ist durchdrungen von solcherlei Ängsten. Angst führt zu Enge, zur Abwehr, zur Konfrontation, und am Ende zur Gewalt, auch gegen sich selbst, denn Angst will nicht ausgehalten, sondern bekämpft werden. Angst macht uns selbstbezogen und isoliert uns. Am Ende kämpfen wir als Egoisten und halten den Egoismus für unsere innerste Natur. Dann gewinnen wir unsere Stärke nur aus der Schwäche der anderen und wir sind immer nur so stark, wie wir den Gegner, den wir ohne es zu ahnen ständig erschaffen müssen, beherrschen und wenn es notwendig erscheint, vernichten müssen. Erst dann fühlen wir uns sicher - vorerst - beziehungslos. Waldorfpädagogik setzt auf die Beziehungsfähigkeit - der menschliche Ausdruck dafür ist Liebe. Freilich ist hier nicht der sentimentale oder besitzergreifende Begriff von Liebe gemeint, der mehr auf Egoismus beruht und oft mit unbewussten Ängsten zu tun hat.

Unterrichten, erziehen ohne Liebe führt höchstens zum Wissen, zum Kennen - nicht zum Er-kennen und Verstehen. Unsere einseitige Wissensgesellschaft macht uns zunehmend beziehungslos. Sie macht uns gleichgültig unseren innersten Bedürfnissen gegenüber und abgestumpft gegenüber unserer Umgebung. Bloßes Wissen isoliert uns, es lehrt uns, wie etwas funktioniert. Es zeigt uns vielleicht sogar was wir alles mit dem Wissen tun können, aber nicht dessen Bedeutung, aus der erst die ethische Verantwortung für unser Handeln abgeleitet werden kann. Wissen muss verstanden werden, damit wir erkennen können, was es für uns als Menschen für eine Bedeutung hat.
Bloßes Wissen überfordert uns auch. Das gesamte Wissen, das die Menschheit während ihrer jahrtausendelangen Geschichte bis etwa zur Jahrhundertwende 1900 erworben hat, hat sich in nur rund 50 Jahren bis zum Jahr 1950 verdoppelt. Heute gehen wir davon aus, dass sich unser Menschheitswissen ca. alle 10 Jahre weiter verdoppelt. Wann hat sich unser Verstehen dieser Wissensmassen verdoppelt? Das ist eine ganz andere Rechnung. Wir wissen unendlich viel, auch über den Menschen, aber verstehen wir den Menschen, wissen wir wer wir sind? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was ist der Sinn des Lebens? Was hat die Welt mit uns zu tun, was gehen uns die anderen Menschen an? Und so fehlt dem Wissen häufig der tiefere Sinnzusammenhang. Unsere existentiellen Grundfragen bleiben durch unverstandenes Wissen oder oberflächliche Antworten unbeantwortet. Wissen in Verstehen zu verwandeln ist ein lebenslanger Prozess, nie ganz endend, aber immer identitäts- und sinnstiftend und lebensnotwendig, wenn wir als Menschen nicht verkümmern wollen. Dieser Prozess wird in der Kindheit angelegt und für diesen Prozess sind wir verantwortlich als Eltern, Erzieher und Lehrer.

Verstehen kann jedes Kind, jeder Mensch nur für sich allein, aus einem Verständnis bildenden Prozess heraus. Wissen ist kollektiv und seiner Natur nach eher quantativ - Verstehen eher qualitativ und immer individuell. Wissen kann man auswendig lernen. Ohne auswendig lernen geht auch Waldorf-schule nicht, aber Wissen bleibt letzten Endes äußerlich. Verstehen kann man nicht auswendig lernen, es erfolgt aus einem zur eigenen Erfahrung gewordenen Weltinhalt im eigenen Bewusstsein. Das kennen wir doch alle, wenn uns plötzlich ein Licht aufgeht! "Jetzt hab ich verstanden! Heureka!" Erinnern wir uns an die leuchtenden Augen eines Kindes, wenn in ihm plötzlich etwas zum inneren Verständnis gelangt. Was sind das für wundervolle Momente eines geheimnisvollen Beziehungsgeschehens. Und welch ein Glück, wenn ein anderer Mensch in unserer Seele zum geliebten Du wird und umgekehrt. Ohne Verstehen kommt es dazu nicht.

Unterrichten ohne Liebe führt höchstens zum Wissen, niemals zum Verstehen. Das ist keine philosophische Weisheit für ein Buch mit Erbauungstexten, sondern eine Grunderfahrung, eine Alltagserfahrung, wenn man sich darauf einlässt. Waldorfpädagogik, ja jede Pädagogik und Erziehung gelingt, wenn die Liebe zum Menschen, die Liebe zum Unterrichtsgegenstand, zur Welt, Triebfeder unseres Tuns werden, wenn auch wir als Eltern, Erzieher und Lehrer in einer umfassenden Weise beziehungsfähig werden - ständig übend. Somit ist die Liebe letzten Endes eine politische Kategorie, eine gesellschaftliche und individuelle Quelle, aus der sich nicht nur unsere Menschlichkeit speist, sondern auch jede tiefere Erkenntnis und Urteilsfähigkeit. Das ist der Kern der Waldorfpädagogik, den wir sicher noch lange nicht vollständig erfüllen, der aber der Idee der Waldorfschule wesenhaft zugrunde liegt und der uns antreibt.

Die Waldorfschulbewegung ist als Reaktion auf die gesellschaftlichen Brüche und Katastrophen vor rund 90 Jahren entstanden. Sie wollte die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ideologisch verändern, also nicht programmatisch politisch, sondern der nachfolgenden Generation helfen ihre menschlichen Potentiale zu entfalten, ihre Selbstbejahung zu fördern und ihre Selbst- und Welterkenntnis zu vertiefen. Wir tun gut daran, uns das bewusst zu machen und daran zu erinnern, um dem Anpassungsmodus an die pessimistischen Visionen, die uns heute eingeredet werden zu verlassen und den Strudeln der vielen unmenschlichen Mechanismen zu entgehen, die gerade heute wieder ihre hässlichen Masken zeigen und ihr Unwesen treiben.

Beziehungsfähig werden heißt nicht, alle Grenzen zwischen uns und der Welt einzureißen, sondern Brücken zu bauen, um die noch immer unerschlossenen weiten Räume der Menschlichkeit zu betreten, in denen wir miteinander und mit der Welt verbunden sind. Sie warten in uns und in unseren Kindern darauf entdeckt zu werden.

Waldorfpädagogik ist also nicht nur vielseitig und weltzugewandt - lebenspraktisch, sondern auch utopisch und visionär, weil sie mit ihren Inhalten und Methoden nicht nur Wissen und Können vermitteln möchte, sondern Verständnis und Verstehen, als die eigentlich humanen Bildungsziele ansieht. Visionär ist sie, weil sie heute, wie zu ihren Anfängen die kalte Wissenskultur, die noch immer herrscht, in eine Kultur der Menschlichkeit, in der Verstehen auf dem Wissen aufbaut, anregen möchte und diese als die jedem Kind zustehende Umgebung ansieht. Utopisch ist sie, weil sie diese Vision unermüdlich verfolgt, auch in Zeiten in denen der Glaube an die Menschlichkeit durch die Ereignisse um uns herum zunehmend in Frage gestellt wird. Obwohl wir unseren hohen Ansprüchen nicht immer gerecht werden, wir lassen uns in unserem Bemühen nicht entmutigen, denn Herr Oberbürgermeister Lützner hat Recht, wenn er sagt: "Die Idee der Waldorfschule ist heute so aktuell und zeitgemäß, wie zu Beginn der Bewegung." Ich wünsche Ihnen einen spannenden Tag in der Kongresshalle, dass wir uns anregen lassen und gegenseitig anregen auf der Grundlage unserer Beziehungsfähigkeit. Mal sehen was daraus für die nächsten 25 Jahre erwachsen kann.